
Organtransplantationen Heteronome Effekte in der Medizin (Rezension)
Organtransplantationen Heteronome Effekte in der Medizin (Hildt, Elisabeth und Barbara Hepp (Hrsg.))Hirzel Verlag. Stuttgart, 2000, 145 S., 16,40 € - ISBN 3-7776-1079-8Rezension von: Paul-Werner Schreiner
In vorliegenden Band sind die Impulsreferate des Arbeitskreises dokumentiert, die den unterschiedlichen Interessen angemessen ganz unterschiedliche Zugangsweisen zeigen. Am Anfang steht der Bericht einer Frau, der ein Herz implantiert wurde. So gut und richtig es ist, gerade bei medizinethischen Themen die Patientenperspektive nicht zu vernachlässigen, so sehr muß man sich jedoch darüber bewußt sein, daß besonders bei der Diskussion über die Organtransplantation die Anwesenheit von Betroffenen das Erörtern der stets vorhandenen Option, nämlich auf das Verfahren zu verzichten zumindest sehr erschwert wird und für denjenigen, der diesen Versuch unternimmt ein gewaltiges Spießrutenlaufen bedeutet. Dies zieht sich durch nahezu alle Beiträge des Bandes durch. Es werden die psychologischen und rechtlichen sowie die ökonomischen Probleme erörtert, die medizinische Praxis sowie die Problematik der Indikationsstellung dargestellt und die Hirntodproblematik diskutiert. Schon eine der Herausgeberinnen führt in der Einleitung zumindest irreführend aus, daß die Organtransplantation dazu geführt habe, daß mit dem Hirntodkriterium der Tod neu definiert worden sei. Der erste Beitrag über die Hirntodproblematik weist zumindest am Rande darauf hin, daß die eigentliche Ursache für die Notwendigkeit einer neuen Todesdefinition die Aufweichung der Grenze am Lebensende war, die wiederum Folge der Möglichkeiten der Intensivmedizin war, und die erste Herztransplantation bestenfalls als Anlaß gewertet werden kann. Der zweite Beitrag zur Hirntodproblematik aus der Feder eines Neurologen ist deutlich differenzierter. En Neurologe schildert die Not eines Arztes, der damit beauftragt ist, den Hirntod festzustellen. Er stellt abschließend fest: "Das Konzept Hirntod mag naturwissenschaftlich begründbar sein, so wie die Organtransplantation machbar ist. Dennoch sind Widersprüche und Dissonanzen bei intensiver Beschäftigung mit dem Thema unvermeidbar, und zwar sowohl auf theoretischem Niveau, als auch in der konkreten Handlungsabfolge. Als Arzt vor Ort werden die Mißklänge emotional besonders spürbar, wenn man in Personalunion mit sich selbst den Sterbeprozeß des Patienten begleitet und gleichzeitig dessen Organkonservierung betreibt."
Der Beitrag eines Seelsorgers ist der einzige, der sich grundsätzlich kritisch dem Thema nähert. Es folgen ein weiterer seelsorgerischer Beitrag und Ausführungen zur Xenontransplantation. Abschließend erörtert ein schon etwas älterer Arzt, zuständig für ein internistische Intensivstation, grundlegende Fragen der Lebensverlängerung um jeden Preis, ohne allerdings einmal für sich Stellung zu beziehen.
Das Buch bietet für jemand, der sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat, gute Einstieginformationen. Der durchgehende Tenor ist pro Organtransplantation. Der, der sich schon intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, findet keine wesentlichen Neuigkeiten.
Insgesamt scheint mir bei einer Veranstaltung an einem Institut, das nicht unter irgendeinem Handlungszwang steht, die Chance vertan worden zu sein, einmal wirklich grundlegende Fragen zu erörtern. Eigentlich schade.