
Krankenpflege im Nationalsozialismus (Rezension)
Krankenpflege im Nationalsozialismus (Hilde Steppe (Hrsg.))Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main, 2001, 9. Aufl., 259 S., 21.90 EUR - ISBN: 3-925499-35-0Rezension von: Dr. Hubert Kolling
Hinsichtlich der Erforschung der Krankenpflege während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bestehen freilich noch erhebliche Lücken; eine ausführliche Geschichte der Krankenpflege im Nationalsozialismus muss erst noch geschrieben werden. Bis dahin verdienen entsprechende, vor allem - neben Arbeiten von Horst-Peter Wolff - die von Hilde Steppe (1947-1999) vorgelegten und auch international beachteten Untersuchungen große Beachtung. So trägt insbesondere der von Hilde Steppe herausgegebene Sammelband "Krankenpflege im Nationalsozialismus" wesentlich dazu bei, das wohl dunkelste Kapitel in der Berufsgeschichte der Krankenpflege wesentlich zu erhellen. Dabei möchte die Veröffentlichung, wie die Autorin, die als Krankenschwester und Diplom-Pädagogin von 1992 bis 1997 das Referat "Pflege im Gesundheitswesen" im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Jugend, Familie und Gesundheit leitete, bevor sie 1998 zur Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Frankfurt am Main berufen wurde, in ihrem Vorwort schreibt, "nicht den Anspruch erheben, diesen Zeitraum pflegerischer Geschichte auch nur annähernd vollständig wiederzugeben." Inzwischen liegt das Buch, das mittlerweile in fast allen Krankenpflegeschulen als Standardwerk gilt und auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung seinen festen Platz hat, in der neunten Auflage vor. Zu der Neuauflage, die Hilde Steppe nicht mehr erlebte und bei der es sich im Wesentlichen um einen unveränderten Nachdruck der achten Auflage von 1996 handelt, hat Hilde Schädle-Deininger ein neues Vorwort geschrieben, in dem sie kurz die Verdienste von Hilde Steppe für die (Geschichte der) Krankenpflege würdigt. An dem Band beteiligten sich insgesamt rund ein Dutzend Autorinnen und Autoren, Krankenschwestern und Krankenpfleger, um die lange tabuisierte Geschichte ihrer Berufsgruppe im Dritten Reich aufzuarbeiten. Untermauert werden ihre Forschungen mit vielen Quellenmaterialien, Dokumenten und Analysen. Das Spektrum der einzelnen Beiträge ist breit gestreut. Es reicht von der Einbindung der Krankenpflege in das nationalsozialistische Gesundheitswesen über die Beteiligung an Massenmorden in psychiatrischen Kliniken bis hin zum Widerstand einzelner Pflegekräfte. Zudem kommen in mehreren Interviews Zeitzeuginnen selbst zu Wort. Ergänzt wird der Band durch eine ausführliche Zeittafel, zahlreiche Abbildungen, Tabellen und Fotos sowie eine umfassende Bibliographie der Sekundärliteratur.
Eine Bewertung der Neuauflage muss ambivalent ausfallen. Einerseits ist sie sicherlich zu begrüßen, da vergleichbare Arbeiten, auf die Lehrende wie Lernende oder einfach an ihrer Berufsgeschichte Interessierte zurückgreifen könnten, bislang fehlen. Andererseits ist zu bedauern, dass nach dem Tod von Hilde Steppe die nun für das Buch Verantwortlichen die entsprechenden Forschungsergebnisse der letzten fünf Jahre scheinbar nicht zur Kenntnis genommen beziehungsweise nicht in die neue Auflage eingearbeitet haben. Ob dies aus Bequemlichkeit oder Arroganz geschah, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. In jedem Fall wurde aber die Chance vertan, der Leserschaft ein Buch zu präsentieren, das auch die neuesten Forschungsergebnisse zum Thema mit einbezieht. Freilich wird mit dieser Kritik nicht in Abrede gestellt, dass es sich bei dem Band nach wie vor um ein äußert wichtiges Werk zur jüngsten Geschichte der Krankenpflege handelt, dessen Inhalt in keinem Unterricht der Pflegeberufe fehlen sollte.