
Salina Braun
Heilung mit DefektPsychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203) (Rezension)
Heilung mit DefektPsychiatrische Praxis an den Anstalten Hofheim und Siegburg 1820-1878(Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 203) (Salina Braun)Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2009, 513 S., 78,90 €, ISBN 978-3-525-35853-5 Rezension von: Dr. Hubert Kolling
Grundlage ihrer Untersuchung, die als Dissertation im Rahmen der International Max-Planck-Research-School „Werte und Wertewandel von Mittelalter bis Neuzeit“ des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, des Zentrums für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Georg-August-Universität Göttingen und des Seminars für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen entstand, bilden zwei repräsentative Heil- und Pflegeanstalten: die rheinische Irrenheilanstalt Siegburg bei Bonn und das traditionsreiche hessische Hohe Hospital Hofheim bei Darmstadt. Gestützt auf die Auswertung von überlieferten Krankenakten gewährt die Autorin dabei tiefe Einsichten in das Aufnahme- und Entlassungsgeschehen, aber auch Binnensichten in den Anstaltsalltag. Darüber hinaus stellt sie anschaulich den Wandel von Krankheitskonzepten und Behandlungsmethoden vor, ebenso wie die Beharrungskraft der Praxis.
Der Aufbau der beeindruckenden und mit einem soliden Anmerkungsapparat ausgestatteten Studie gestaltet sich derart, dass die Autorin nach einem ausführlichen Einleitungsteil zunächst einen Überblick über die zeitgenössisch psychiatrisch-disziplinäre Entwicklung vor dem Hintergrund der Ausgangsfragen Wahrnehmung sowie Umgang und Behandlung mit psychisch abweichendem Verhalten gibt, wobei sie insbesondere die Krankheitsauffassung und -klassifikation der für diese Arbeit relevanten Fachvertreter, der leitenden Anstaltsärzte und ihrer Assistenten, berücksichtigt. In dem daran anschließenden dritten Kapitel rückt sie die Anstalten als Institution in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei bettet sie deren Ausgangslage und Entwicklung in den breiteren Kontext der zeitgenössischen Versorgungsstruktur ein und beleuchtet diese vor dem Hintergrund der fachinternen Debatten, aber auch der jeweiligen politischen Verhältnisse im Großherzogthum Hessen und den preußischen Rheinprovinzen. Im vierten Kapitel untersucht sie die gesellschaftliche Funktion der beiden Institutionen, wobei sie hinsichtlich der Einweisungspraktiken sowie im Kontext der Entlassungen gesellschaftliche Toleranzgrenzen und „Bewältigungs“-Strategien im Umgang mit psychisch Auffälligen auslotet. In den Blick kommen dabei auch die einzelnen am Einweisungsgeschehen beteiligten Akteure und ihr Verhältnis unter- und zueinander. Im Zentrum des fünften Kapitels steht die Analyse der Beziehungsstruktur in den Anstalten selber. Hierbei geht es der Autorin vor allem um die Betrachtung des Spannungsverhältnisses zwischen idealtypischen ärztlichen Entwürfen des Zusammenlebens und der „Heilung“ einerseits und der Alltagswelt in den Anstalten andererseits. Im sechsten Kapitel wendet sie sich dann – vor dem Hintergrund zeitgenössischer Krankheitskonzepte von Laien und Ärzten – der eigentlichen Behandlungspraxis zu, wobei sie auch die Ansichten und Praktiken in der häuslichen Sphäre vor der Einweisung mit denen in der Anstalt vergleicht und auf Ähnlichkeiten beziehungsweise Divergenzen hin untersucht. Im siebten und abschließenden Kapitel nimmt sie schließlich Überlebensstrategien in der Anstalt in den Blick, darunter auch bestimmte Verhaltensmuster der Patienten als Reaktion auf ihre Asylierung.
Salina Braun hat eine wichtige Untersuchung vorgelegt, die jenseits einer Institutionengeschichte wertvolle Erkenntnisse über die psychiatrische Praxis beziehungsweise das „Innenleben“ von zwei Irrenheilanstalten im 19. Jahrhundert liefert. Eine gewisse Einschränkung der vorliegenden Arbeit besteht lediglich in dem Kapitel über die Beziehungsgeflechte in den Anstalten, weil – unter dem Hinweis auf die Quellenlage zu den untersuchten Einrichtungen – die Rolle und Sichtweise des Pflegepersonals unberücksichtigt bleibt. So finden sich hierzu lediglich ganz wenige Aussagen, darunter der knappe Hinweis, dass dem „Wartpersonal“ die Aufgabe zukam, „die Anweisungen des Direktors auszuführen und Rückmeldung zu erstatten“ (S. 224). Sieht man hiervon einmal ab, können alle, die sich für Medizingeschichte im Allgemeinen und die Psychiatriegeschichte im Speziellen interessieren, den opulenten Band fruchtbringend zur Hand nehmen.