
Thomas Klie und Hermann Brandenburg (Hrsg.)
Gerontologie und PflegeBeiträge zur Professionalisierungsdiskussion in der Pflege alter Menschen (Rezension)
Gerontologie und PflegeBeiträge zur Professionalisierungsdiskussion in der Pflege alter Menschen (Thomas Klie und Hermann Brandenburg (Hrsg.) )Vincentz Network, Hannover, 2003, 270 Seiten, 21,80 €, ISBN 3-87870-227-2Rezension von: Sven Lind
Vor diesem Hintergrund sind die vorliegenden Beiträge der Autoren (Hermann Brandenburg, Hildegard Entzian, Ulrike Höhmann und Thomas Klie) aus den Jahren 1998 bis 2002 wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen. Die zentralen Themen hierbei sind das Verhältnis von Gerontologie und Pflege, die wissenschaftlichen Schwerpunkte dieser Disziplinen, Pflegestudiengänge und vor allem Wege der Professionalisierung in der Pflege und Gerontologie sowie letztlich Kompetenzprofile in der professionellen Pflege alter Menschen.
Für den Rezensenten überraschend ist die Einschätzung, dass die Medizin, Gesundheits- und Sozialwissenschaften „Nachbardisziplinen“ der Pflegewissenschaft darstellen. Für diese Rangstufe der Pflege als Wissenschaft werden jedoch keine Fundierungen auf empirischer und wissenschaftstheoretischer Grundlage erbracht. Für den Rezensenten handelt es sich bei der Pflegewissenschaft um eine Handlungswissenschaft zweiter Ordnung, deren primärer Bezugsrahmen u. a. aus Medizin und Psychologie (Handlungswissenschaften erster Ordnung) besteht. Ähnlich überraschend sind die Einschätzungen, dass es sich bei der Pflege um „Interaktionskunst und Handwerk“ handelt und dass hierbei die „metahandwerkliche Kompetenz“ im Mittelpunkt steht.
Diese Auffassungen der Pflege als Wissenschaft und Beruf lassen sich als Bemühungen um eine angemessene Selbstfindung und Verortung in das bestehende Wissensgefüge interpretieren. Man ist noch auf der Suche, doch klare Orientierungen scheinen gegenwärtig noch nicht vorhanden zu sein. Die Gerontologie als interdisziplinäre Erfassung des Alterns vermag zwar den Gegenstandsbereich einer Pflege alter Menschen zu strukturieren und abzugrenzen, die Entwicklung eines ganzheitlichen Konzeptes aus Theorie und Praxis für die Pflege kann sie weder induktiv noch deduktiv leisten.
Es kann das Fazit gezogen werden, dass die Pflege sich gemäß den üblichen gesellschaftlichen Trends – jedes berufliches Handeln möchte sich gegenwärtig verwissenschaftlichen und normieren – einen Wandlungsprozess in Richtung Wissenschaft und Standardisierung unterzieht. Bei all diesen Anstrengungen sollte jedoch nie das Faktum negiert werden, dass es sich bei den entscheidenden zwischenmenschlichen Beziehungen im pflegerischen Kontext um angeborene Verhaltensweisen handelt. Die Erkenntnis „Pflegen kann jeder“ (bezogen auf grundpflegerisches Wirken) sollte nicht tabuisiert werden, sondern als Basiswissen auf allen Ebenen pflegerischen Handelns und deren Reflexion Anerkennung finden. Andernfalls droht Pseudo-Akademisierung und Überprofessionalisierung mit allen damit verbundenen Konsequenzen.