
Abgeführt Unter Mitarbeit von Angelika Abt-Zegelin (Rezension)
Abgeführt Unter Mitarbeit von Angelika Abt-Zegelin (Cölfen, Hermann und Sabine Walter)Verlag Hans Huber, Bern, 2000, 288 S., 18,00 DM - ISBN 3-456-83450-0Rezension von: Dr. Andreas Gerlach
Die nun unbemannte Annika dagegen philosophiert über das Sterben ("Die Grenze zwischen Leben und Sterben schien ihr so unbeständig und schwer greifbar zu sein"), verbringt eine Nacht mit ihrem Lieblingswinzer, der aber irgendwie schon auf dem Weg in die Arme ihrer besten Freundin zu sein scheint, übersteht - wider Erwarten weitgehend unbeschadet - sechs Nachtwachen, löst dabei den Kriminalfall um die drei ermordeten Patienten, feiert schnell noch ihren dreißigsten Geburtstag und beginnt fast ein intimes Verhältnis mit Polizist Harry. Schade nur, daß das Buch zwei Stunden zu früh endet; sonst wäre es wahrscheinlich noch einer Parodie auf den legendären "Krankenschwestern-Report" gekommen. Aber auch so zeigt das Autorenpaar, daß es seine televisionären Vorbilder und Lieblingsfeindbilder gut kennt; die feinsinnigen bis sarkastischen Anspielungen reichen von Derrick über die Klinik am Rande der Stadt bis zu Schwester Stephanie und wenn der internistische (!) Chefarzt beim großen Showdown freudig erregt erklärt, er werde beim Mörder die anstehende komplizierte Pankreas-Operation höchst persönlich durchführen, "sobald die juristischen Details geklärt sind", dann erreicht das Geschehen einen Wert von mindestens sechs Brinkmanns auf der nach oben offenen Schwarzwaldklinik-Skala.
Diese humorvollen Seitenhiebe nehmen dem Kriminalroman aber nichts von seiner eigentlich ernsthaften Erzählhaltung und erinnern dadurch an die großen Vorbilder Taylor und MacLeod. Annikas ungewollte Metamorphose von der einfachen und überwiegend harmlosen Krankenschwester zur Hilfsdetektivin läßt an MacLeods Professor Peter Shandy denken, bietet aber auch Anklänge an Dick Francis Helden, die jeweils aus bis dahin klaren und scheinbar einfachen Berufs- und Lebenssituationen heraus zum Detektiv werden (müssen). Wie sagt die Powerfrau wider Willen in einem ihrer ruhigeren Momente: "Wenn man zusammen ein kleines Abenteuer bestanden - und vor allem überlebt hat: Sollte man sich da nicht langsam duzen?". Einverstanden Annika, nun denn: Deine Abenteuer haben mir 270 Seiten und eine ganze Nacht lang Spaß gemacht. Du hast einen klassischen Plot in einer für einen Kriminalroman ausgesprochen ungewöhnlichen Umgebung gelöst und dabei viel und realistisch in Deiner Pflege-Umgebung gelebt. Die kleinen und gut verteilten ironischen Spitzen haben mir die Unbill und gelegentlichen Längen dieses Pflegealltags versüßt. Die wenigen Ärzte haben in Deiner Welt genau die Bedeutung, die ihnen einige - möglicherweise nicht mehr ganz - moderne Pflegetheoretiker zuweisen: selten auftretende, schemenhafte Randfiguren, die teils stören, teils als Stichwortlieferanten nützlich sind, nicht einmal Kaffee kochen, aber bei Bedarf durchaus gute (Ex-)Liebhaber abgeben. Eine Ärztin tritt erst gar nicht auf; eigentlich bedauerlich, denn Du hättest sie bestimmt mit Zivi Kalle verkuppelt, Eurem Oberknaller, den Du während der Arbeitszeit in der Badewanne schlafend erwischst und, so gar nicht Pflegestandard-gerecht, kurzerhand zwangsduschst. Während Du Dich zu Deinen schwarz-weißen Videos zurückziehst und darüber nachdenkst, "auf der Station wieder halbwegs normale Zustände zu schaffen", sinniere ich noch, warum - neben den Krimi-Fans - eigentlich gerade die Pflegenden dieses Buch im Sechserpack kaufen sollten. Vielleicht um allen Bekannten und Freunden endlich einmal ein Buch zu schenken, das den Pflegealltag wesentlich realistischer abbildet als die beliebten Fernsehserien und das als Krimi sogar eine echte Chance hat, gelesen zu werden; vielleicht aus beruflicher Solidarität mit dem mutigen Versuch von Autoren und Verlag, Pflege mit ihren Inhalten, Problemen, Erfolgen und Frustrationen als Unterhaltungslektüre zu servieren; vielleicht aber auch aus dem einfachsten und banalsten aller Gründe: Nur wer Dein erstes Abenteuer kennt und schätzen gelernt hat, kann so richtig Deinem, inoffiziell bereits angekündigten, nächsten literarischen Auftritt entgegenfiebern.